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Hotelsuchehttp://www.hotel.de/search.aspx?han=808731&pcon=1&nsad=1shapeimage_3_link_0
Dies ist kein normaler Reisebericht. Oder eigentlich doch, nur in anderer Form. Es ist im Grunde genommen die Zusammenfassung der Emails, die ich von unterwegs nach Hause geschickt hatte, und deswegen vielleicht ein bisschen lebendiger und persönlicher als “normale“ Reiseberichte. Jedenfalls: viel Spaß beim Lesen!

Die Akteure:
Meine Wenigkeit und „Kamasutra“, mein treues Tourenrad.

Buenas tardes Alemania!

Nach über einer Woche herumgurken auf Fidels Insel bin ich endlich an einen Computer geraten, sogar mit WINDOWS XP, um euch mit den Ereignissen und Merkwürdigkeiten dieser Reise zu erfreuen.


Mittwoch
Hinflug mit der Condor nach Holguin war problemlos, das Taxi vom Flughafen in die Stadt rein musste mit offenem Kofferraum fahren, damit das noch verpackte Radl auch mitkommt. 

Untergekommen bin ich in einer Casa Particular, das sind Privatunterkünfte bei den Einheimischen, die bis zu 2 Zimmerchen vermieten dürfen und so ihr mageres Monatseinkommen verbessern können. Das nette dabei: man kommt schnell mit den Leuten hier in Kontakt und kann sie mit Fragen löchern, wo man Geld wechseln kann, wo man den billigsten Rum herkriegt und wo man seine Unterhosen bügeln lassen kann. Stichwort Geld: es existieren 2 Währungen in Kuba – der nationale Peso, mit dem man außer Brot und Billigstrestaurants nur selten was bezahlen kann und der grad mal 0,036 EU wert ist; und der CUC, der ¨peso convertible¨, 1 zu 1 an den US-Dollar gebunden, mit dem man den Rest bezahlt, also ganz schön viel. Da die Monatsgehälter in Peso Nacional ausbezahlt werden, sind die Leut ganz schön übel dran und natürlich auf den CUC scharf, und wer hat die meisten CUCs? Richtig – wir Touristen. 

Donnerstag
Erst mal Holguin angucken. Das Städtchen ist ganz nett, kein Haus hat mehr als 2 Stockwerke, an der Hauptplaza kann man schön gucken und flanieren, und die üblichen Oldtimer aus den 50er Jahren brummeln hier rum. Die Kubaner sind ein geduldiges Volk, denn Schlangestehn gehört zur Tagesordnung: ob vor dem Restaurant, der Bank oder dem Lebensmittel- oder Klamottenladen, hereingelassen wird nur schubweise. Ich stelle mir grad vor, WIR würden beim Pennymarkt oder beim C&A erst mal eine halbe Stunde anstehen, um überhaupt eingelassen zu werden… Aber so isses nu mal hier. Es gibt halt wenig Auswahl.

Dass ich an diesem Tag beinahe von einem Opa mit seiner bildhübschen 22-jährigen Enkelin (und die ihres Zeichens Mutter einer 2-jährigen nervigen Tochter) verkuppelt worden wäre, ist eine der weiteren Seltsamkeiten dieses Landes, aber die Geschichte erzähle ich extra mal.

Freitag
Erster Radeltag, jetzt gehts los! An knatternden Lastwagen, quietschenden Fahrradtaxis und Pferdekutschen vorbei quäl ich mich aus der Stadt raus und freu mich, dass ich bald auf der Hauptstrasse nach Bayamo bin, in 80 km Entfernung. Die Freude währt nur kurz: wegen einem internationalen Radrennen – heutige Etappe: Bayamo-Holguin, also entgegenkommend – ist die Strasse erst mal komplett gesperrt. Na klasse. Ich kann mich aber hintenrum auf einer Nebenstrasse wenigstens bis zum Flughafen, der auf der Strecke liegt, durchschleichen, aber dann ist auch hier No Go. Keiner weiss, wie lange die Sperre gilt. Wie lang der Rückstau mittlerweile wohl ist? Ich stell mir vor, die A3 wird wegen einem Radrennen gesperrt…  

Immer wieder saust ein Polizeiauto mit lautem Geheul und viel Blinklicht vorbei, und dann hofft die Menge, dass es jetzt weitergeht. Doch Pustekuchen: die Polizisten haben einfach ihren Spass daran, mit Sirenen durch die Strassen zu jagen. Das macht einen wichtig.

Eine Stunde später kommt aber der Radlerpulk an, ich feuer sie an, sie winken zurück. Jetzt darf ich weiterradeln. 

Die Strecke ist schnurgerade und hat so gut wie keine Steigungen. Ab und zu überquert sie mal einen Bach oder einen Fluss oder führt durch eines dieser weitläufigen Dörfer hier, aber ansonsten zieht sie sich lange an Viehweiden oder endlose Zuckerrohrfelder entlang, sodass man sich schon auf eine Kurve als Abwechslung freut. Es herrscht so gut wie kein Verkehr, nur ab und zu rattert mal ein alter Bus oder ein LKW vorbei, oder ich überhol einen Ochsenkarren. Der Wind schiebt von hinten, vor mir brütet die Sonne, und über mir kreisen die Geier. Es ist ganz schön warm.

Bevor die lauwarmen Wasservorräte aufgebraucht sind, taucht endlich Bayamo auf, ein gemütliches Provinzhauptstädtchen. Ich komm dort günstig in er Hotelfachschule in der Innenstadt unter, schlepp mein Gerödel aufs Zimmer und fall sofort in einen ganz komischen Halbschlaf. Abends beweg ich mich runter zum Essen, um gleich darauf wieder ins Bett zu fallen. Das gfällt mir gar nicht.

Samstag
Wie ichs befürchtet hatte: bin jetzt richtig krank. Nach dem Fieberschlaf der Nacht mess ich jetzt erst mal Temperatur: 38,3 Grad. Dazu kommen Halsweh, Husten, Mattigkeit, Kopfweh, also eine richtige Grippe. Fängt ja gut an. 

Zum Glück hab ich ein ruhiges Zimmer und eine nette Apotheke ums Eck. Ansonsten ist Ruhetag angesagt.

Sonntag
Es geht leicht besser, aber immer noch nicht gut genug. Zumindest kann ich jetzt ein bisschen rumlaufen, mir das Städtchen mit seiner blitzsauberen Fussgängerzone und dem schattigen Zentralplatz anschauen. Ausserdem hab ich mich mit der Apothekermami angefreundet, die mit dem kränkelnden Bub doch etwas Mitleid hat. Und den hinteren Reifenschlauch ausgewechselt, der eine Bruchstelle am Ventil hat.

Montag
Es geht weiter! Ausgerüstet mit 5 l Wasser, Brot, Tomaten und Keksen verlass ich die Stadt, Ziel: die Berge der Sierra Maestre, die ich überqueren will, um von dort dann auf die Karibikseite zu kommen.

Der leichte Gegenwind macht mir nix aus, ganz im Gegenteil, ich bin über das kühle Lüftchen recht froh. Die Leute am Strassenrand gucken mich alle etwas neugierig an, aber wenn ich sie grüss oder wink, winken sie zurück oder halten den Daumen hoch. Die Strecke führt durch Landwirtschaft, sogar Reisfelder sind dabei. Recht nett find ich die Dörfer mit ihren kleinen Gehöften und den palmgedeckten Dächern, den Bananenstauden und den schattigen Mangobäumen. Ein Auto bekomm ich nur alle 5-10 Minuten zu Gesicht. Eher trifft man auf Fahrräder (vermutlich made in Bangadesh), umgebaute Fahrradtaxis (Gestell von Fahrrad, Reifen von Moped, Lenkstange von Auto, Dach von irgendwelchen Blechteilen) und Pferdekutschen als Nahverkehrsmittel.
Das Radeln macht heut Sauspass, weil es so gut läuft und vieles zum Gucken gibt und man zum anderen einfach so seinen Gedanken nachhängen kann.

In Bartolome Maso, an den Bergausläufern der Sierra Maestre, werd ich wieder in die Zivilisation zurückgeholt, in Form einer lauten steinalten und halb verfallenen Zuckerfabrik, die mit ihrem Lärm und ihrem vorsintflutlichen Aussehen den Ort prägt. Etwas davon entfernt bekomm ich ein Zimmerchen im Hotel BALCON DE LA SIERRA, das den Namen zu recht trägt – die Ausicht von hier oben auf die Berge einerseits und die Ebene auf der anderen Seite ist wirklich wie von einem Balkon aus. Und grad jetzt geht auch schön die Sonne unter und die Tropennacht beginnt. Wie immer um halb sieben. 

Morgen kommt der Hammertrip. Quer durch die Sierra Maestre. Wildes Gebirge und schlechte Strassen, Versteck und Hauptstützpunkt der Guerilla um Fidel Castro. Von hier aus nahm der Siegeszug der Revolution seinen Anfang. 

So, muss jetzt Schluss machen. Die haben hier nämlich nur alle 2 Tage von 20 bis 21 Uhr Internet, und der Bub vom Haus will auch nochmal an den Kasten ran. Also: Melodie von ¨Lindenstrasse¨ einblenden, oder von irgendeiner anderen Fortsetzungsserie. Nächstes Mal gehts weiter.

Hasta luego! Venceremos!
Con muchos saludos

Wolfgang

PS: hab jetzt ne dreiviertel Stunde gebraucht, um überhaupt ins Internet zu kommen. Die ham hier nur Postmodems...

Saludos a Alemania!

Und hier kommt der 2.Teil.

Dienstag
Der härteste Tag.
Am Anfang der Bergstrasse über die Sierra Maestre an die Karibik soll's noch 2 Dörfer geben, trotzdem deck ich mich jetzt schon mit Wasser und Futter ein, man weiss ja nie nicht. 

Der Anfang ist noch relativ flach. In einem Reisfeld pflügt ein Bauer den matschigen Boden mit einem Ochsengespann. Sieht aus wie in Thailand. Dann beginnen die Vorberge mit den ersten Anstiegen, alles noch im machbaren Bereich. Die Strasse ist zum Glück noch gut 20 km asphaltiert, trotzdem lassen die Aufs und Abs die Schweisstropfen aus sämtlichen Poren rinnen.  Zum Glück spenden ein paar Wölkchen etwas Schatten, sonst wär ich nur noch ein dampfendes Etwas. Die Berge sind bewaldet, meist mit Gestrüpp, ab und zu auch mit den mächtigen Königspalmen, wie sie in Kuba typisch sind, mit ihren kerzengeraden hellen Stämmen. Das blöde ist, dass nach jeder längeren Auffahrt auch eine rasante kurze Abfahrt folgt, aber man weiss - es geht danach wieder hinauf. Nuff uff de Berg, und nunder in de Talkessel, wo sich ab und zu ein winziges Dörfchen mit dunkelgrünen Bananenstauden und strohgedeckten Häuschen, gackernden Hühnern und einem plätschernden Bächlein versteckt. Nach dem letzten Dorf folgt sowas wie ein Niemandsland, wo bei mir auf der Karte die Strasse, aber kein Ort mehr eingezeichnet ist - der nächste liegt dann schon an de Karibik.

Ab jetzt geht es gehörig bergauf. Die Strasse ist zum Teil weggespült, zum Teil durch Riffelbeton ersetzt. Auf 950 m erreich ich den höchsten Punkt, mit traumhafter Aussicht auf die umliegenden Berge, in denen Fidel Castro vor über 50 Jahren sein verstecktes Camp hatte und von wo aus er die Revolution geleitet hatte. In dem unwegsamen Gelände kann man sich gut vorstellen, dass die Truppen des Diktators Batista keine Chance hatten, Fidel und seine Leute irgendwie aufzustöbern.

Nun, wenn ich mir gedacht hat, jetzt saust sich's nur noch -huiii- bergab in die Karibik, so werd ich bald eines besseren belehrt, auf unangenehme Weise.

Die Strasse wird erst mal zur Schotterpiste und führt anfangs lange steil bergab, sodass die Bremsen glühen. Ab und zu durchquert man mal eine seichte Furt, was ja noch Spass macht, aber dann - ja, wo isse denn, die Strass'? Zwei Bauern kommen zum Glück hier des Wegs lang und deuten auf das Bachbett, wo schemenhaft ein Pfad zu erkennen ist. Da entlang, Amigo, meinen sie, und  - Si, esta lejos, ja, es ist noch weit. Oh oh. Und über mir kreisen die Geier.  

Nach dem Bachbett steigt die holprige Strasse, die ich jetzt eher als Schotterweg bezeichnen mag, steil bergan. Und zwar so steil, dass Radeln nicht mehr machbar ist. Also schieben. Nach eine halben Stunde wird's etwas flacher, dann kann ich ein Stück radeln, und schliesslich zwängt sich der Weg einen Talkessel runter, über Geröll und Schotter, sodass ich mich voll auf Bremsen und Balance konzentrieren muss, damit's mich nicht mit der vollbeladenen Kamasutra hinflatscht. So geht es die nächsten Kilometer, rauf und runter, mit dem Unterschied, das die Pseudo-Strasse NOCH schlechter wird und eher an ein ausgetrocknetes Bachbett erinnert als an irgendwas Befahrbarem. Ich bin nur noch am Fluchen. Mal guckt der blanke Fels raus, mal sammelt sich feines rutschiges Geröll oder lockere Erde an. Und diese "Strasse" ist auf der Karte mit 2 Striemeln eingezeichnet... Der Alpenverein würde solche Wege mit "Trittsicherheit erforderlich" kennzeichnen.

Es nimmt kein Ende. Wieder steil rauf, Steigung so um die 15-20%, natürlich schiebend. Ein paar Minuten gradaus radeln, dann bergab, und zwar nur noch schiebend - an Abwärtsradeln ist mittlerweile nicht mehr zu denken. Zu gefährlich. "Steiles Bergab-Kriechen" wär das passendere Wort. Der schwere Bock schert öfters aus, kommt ins Rutschen - kurzzeitige Panik, ruhig bleiben, laaangsam, langsam. Kontrolle behalten, konzentrieren. Begehbaren Pfad zwischen dem Schotter und Felsbocken suchen. Ein Gefühl für die Bremsen kriegen, Vorder- und Rücktrittbremse angepasst einsetzen.  

Hinter der nächsten Kurve das gleiche Schema: raufschieben, kurz radeln, runterschieben. Ich bin müde und nassgeschwitzt, fluch und schimpf vor mich hin. Bin auch etwas unter Zeitdruck, da die Sonne so langsam am Untergehen ist.  

Einfach weitermachen. Auch wenn es nur kleine Schritte sind. 

Endlich, der letzte Hügel. Dahinter, dunkelgrau im Schatten der Berge, die Karibik, die mir im Moment irgendwie wurscht ist. Der Holperweg liegt schon im Dunkeln, führt jetzt aber nur noch bergab. Ich schiebe - Fahren wäre jetzt zu riskant. Zu spät erkannt man die Geröllfelder, spitzen Felsbrocken und Löcher. Ich wünsch mir meine Trekkingschuhe herbei. Mit den Trekkingsandalen kommt man selber öfters ins Rutschen.   

Im allerletzten Licht des Tages erreich ich die Küstenstrasse. Wie herrlich sich so ein Asphalt anfühlt! Ohne Rütteln und Rattern! Ganz weich und sanft! Mmmmmmmmh!

Eins weiss ich: diese Strecke fahr ich nie nie nie wieder.

Nach 10 km erreich ich ein Hotel, das angeblich ausgebucht ist, aber mit herzzerreissendem Hoffnungslosigkeit-Dackelaugen-Blick bekomm ich doch noch ein Zimmerchen. Gracias a Dios!

Mittwoch
Ich folge der meist FLACHEN (!!) Küstenstrasse nach Osten. Die Szenerie erinnert ein bisschen an den Highway Nr 1 in Kalifornien, links mit den Bergen de Sierra Maestre, rechts mit dem offenen Meer, und beidseitig der Strasse mit trockenen Grasflächen und struppigem Gebüsch. Karibische Traumstrände sind Mangelware- meist donnert die Karibik selbst an zerklüftete Felsen oder nicht sehr einladende Steinstrände. Palmen sind in dieser trockenen Region selten.

Der Nordostpassat stemmt sich mir zwar entgegen, dafür kühlt er ein bisschen. Der Hurricane vom letzten November muss hier ganz schön gewütet haben, denn an manchen Stellen, wo die Strasse besonders nah am Meer entlangläuft, sieht der Asphalt aus wie ein angeknabbertes Keksstück. Oder ist überhaupt nicht mehr vorhanden: dann führt die Strasse über ein Stück Steinschotter, eine Tatsache, die ich ja schon gewohnt bin, siehe oben.

Gerade, als ich mal so ein Schotterstück fotografieren will, versagt die Kamera. Das Bild im Sucher wird nur noch dunkel dargestellt, mit Fotografieren is nix mehr. Egal ob Weitwinkelobjektiv oder Zoom. Oh Herrschaftszeiten, muss das mitten im Urlaub sein? Ich hab zwar noch die kleine Digicam als Notersatz, aber die Bilder einer Spiegelreflexkamera sind halt doch etwas hochwertiger. Zerknirscht und stinkesauer fahr ich die letzten Kilometer bis in ein Campismo, wo ich mir einen Bungalow miete. 
Und muss jetzt aufhören, weil meine Zeit im Internet abläuft. Bis zum nächsten Mal!

Isch druegg eusch alle!

Wolfgang

Uuund scho geht's weiter! Hab noch ein paar Münzen fürs Internet zusammenkratzen können. Was tu ich nicht alles für euch.

Donnerstag
Langer Radeltag.
Jetzt hab ich bei er Kamera zumindest rausgekriegt, dass das Problem an den Kontakten zwischen Objektiv und Kamera liegt. Aus mysteriösen Gründen kann ich mit dem Zoom halbwegs fotografieren, bloss ob die Bilder was werden, wird sich daheim zeigen.

Übrigens ist die Tastatur hier am Computer total bescheuert, weil sie manchmal Buchstaben veschluckt, obwohl ich draufdrück wie ein Elefant. Kann also sein, das mal einer fehlt. Ein Buchstabe natürlich.
Das Campismo, wo ich übenachtet habe, ist eine Art Bungalow-Anlage, für kubanische Urlauber und Schulgruppen usw. gedacht: einige dürfen auch Ausländer aufnehmen. Weils hier um halb 8 Frühstück geben soll, um 8 aber immer noch niemand da ist, radel ich mit ein paar Keksen im Bauch los. Locker komm ich 20 km weiter bis zum nächsten Ort, wo ich mir in der einzigen Cafeteria drei Bananenkuchen reinstopf -  was andres gibt's nicht, in Kuba muss man essen, was auf den Tisch kommt. Zumindest auf dem Land.

Auch die weitere Strecke bis ins nächste Städtchen verläuft recht entspannt. Von links kommen die Bergausläufer der Sierra Maestre bis an die Küste heran. Kubas höchster Berg, der Pico Turquino, ein Fast-Zweitausender, zeigt heute sein Haupt ausnahmsweise mal wolkenlos. Wie immer begleiten mich auch hier winzige Dörfer mit kleinen Gehöften, mit palmgedeckten Hütten, schattigen Mangobäumen und Kakteenzäunen. Hühner sausen herum, Ziegen knabbern am trockenen Gras, Kühe glotzen träge dem Radler aus Alemania nach. Ich wusste gar nicht, dass man sich in Kuba so viele Ziegen hält. 

An welchem Ort ich mich jeweils befinde, kann ich nur anhand der Landkarte herausfinden. Am Ortseingang wie auch -ausgang wimmelt es immer von Revolutionsparolen, zum Teil an meterhohen Wänden. Aber Ortsschilder? Fehlanzeige. Angeblich sei dies bewusst so, um jede Art von Invasoren zu verwirren. 

90 km Radeln sollen's heut werden, die ersten 50 waren locker, die restlichen 40 - o jesses. Scheinbar hat man aus Gründen der Strassenerneuerung vor 5 Jahren mal die obere Asphaltschicht der Küstenstrasse abgetragen. Vermutlich in 5 Jahren kommt dann die neue drauf. Bis dahin muss man mit einem Konglomerat aus alten Teerbatzen, Löchern und Spurrillen auskommen. Die Gurkerei strengt ganz schön an. Ich freue mich aber aufs nächste Campismo - das ausgebucht ist. Mit viel Bitteln und Betteln bekomm ich unter der Hand einen Bungalow zugeteilt, den ich aber bis morgen um 8 verlassen haben muss. Ins Restaurant darf ich nicht, weil ich mich etwas unsichtbar machen soll. Dies hat ein Mitarbeiter des Campismo mitgekriegt, der mir verspricht, mir heimlich ein Abendesen in den Bungalow vorbeizubringen. Und prompt: eine Stunde später klopfts an de Tür,und der Amigo bringt mir - natürlich gegen Bares - Krabben und Riesenshrimps vorbei, frisch vom Grill! Auch das ist Cuba.

So, jetzt muss ich wirklich aufhören, die wollen hier putzen und schmeissen mich raus.

Hasta luego!

Wolfgang

Und hier die nächste Fortsetzung! Continuamos!

Freitag
Traumhaftes Morgenlicht. Keine 10 Meter von meinem Bungalow entfernt bricht sich die Karibik in schäumender Gischt an den Strandfelsen. Gerne wär ich hier noch länger geblieben. Aber wie gesagt, ich bin ja nicht ganz legal hier, bis 8 muß ich hier raus.

Frühstücken darf ich hier offiziell „eigentlich“ auch nicht, aber einer der Angestellten hier rät mir, einfach so ins Restaurant hineinzumarschieren (das Wort „eigentlich“ bekommt übrigens in Kuba eine neue Definition und bedeutet soviel wie „da geht noch was“). Zum Essen gibt’s  nur Spaghetti mit Schinken und Käse. Na ja, besser als mit dem leeren Magen loszuradeln.

Die Straße bleibt gleich schlecht, ich trödel so vor mich hin. Schon nach 5 km hock ich mich in den Schatten eines Baumes und guck den Wellen zu. Einfach dasitzen und zuschauen. Ich glaub, so langsam wird mal ein Pausentag fällig.

Die nächste Etappe führt mich an eine Bucht, wo ein spanischer Panzerkreuzer 1898 im Unabhängigkeitskrieg versenkt wurde. Seine Geschütze schauen noch aus dem Wasser heraus. Schnorcheln wäre jetzt nicht schlecht, aber ich mag meine Sachen nicht alleine lassen. Schon öfters warnten mich die Einheimischen, dass hier ganz gern geklaut wird.

Der Kubaner Danilo kommt des Weges und fragt mich, ob ich einen Wasserfall sehen möchte. Wasserfall? Na klar! Es seien nur 50 m von seinem Haus bis dorthin. Nach einem Kilometer – mit Entfernungsangaben haben’s die Kubaner nicht so - erreichen wir ein Wasserfällchen, das sich 5 Meter über einen Felsen in ein paar schöne klare Pools stürzt. Klamotten weg, und nackig hineinspringen. Aaaahhh, tut das gut! Danilo schlägt mir vor, bei ihm in seiner Hütte im Dorf zu übernachten, wenn ich mal wieder nach Kuba komm. Für wenig Geld und natürlich inoffiziell. Zum Essen könne er mir dann Langusten vorsetzen, auch die inoffiziell. In Kuba dürfen Touristen nämlich nur bei offiziell angemeldeten Unterkünften und Restaurants unterkommen und speisen. 

Bis Santiago de Cuba, der drittgrößten Stadt des Landes, dauert’s nur noch 2 Stunden. Die Stadt selbst ist fast nur in Quadrate und Rechtecke eingeteilt. Was aber auf dem Stadtplan einfach und gerade aussieht, entpuppt sich beim Erradeln als ständiges steiles Auf und Ab, wie in San Francisco. Den Stadtplanern schien damals das Wort „Serpentine“ ein Fremdwort gewesen zu sein.

Meine Casa Particular hier erfreut sich einer traumhaften Aussicht über die Stadt. Über die Dächer schweift der Blick bis zur Kathedrale und dem Hafen und die Berge im Hintergrund. Wow! Und was für ein irre Licht, jetzt am Abend! Von hier oben erkennt man aber auch, wie heruntergekommen Santiago ist: viele Häuser sind zerfallen oder kurz davor, bei so gut wie allen bröckelt der Putz ab. Wie die wohl den nächsten Hurricane überstehen werden?

Trotzdem: die Stadt lebt. Aus jeder Ecke klingt irgendwoher Salsa, Rumba, Son, Merengue, Reggaeton. Mopeds, Oldtimer, Ladas, Busse und Lastwagen knattern durch die engen Gassen, Fahrradtaxis zwängen sich zwischendurch. Vor den Hauseingängen sitzen Männer und spielen Domino, hüftschwingende Mulattinnen aller Konfektionsgrößen werfen einem vielsagende Blicke zu, Kinder spielen begeistert Fuß- und Baseball mitten auf den Straßen. 

Angebaggert wird man in Santiago öfters als etwa in Bayamo oder Holguin, entweder von Männern, die einem Unterkünfte, Rum, Zigarren oder Mädchen andrehen wollen, oder den Mädchen selbst, die erst um ein Bier schnorren, dann den Abend lang ausgeführt werden und später ihre „Dienste“ anbieten wollen. Wenn man aber „no gracias“ sagt, lassen sie einen gewöhnlich in Ruhe. Man kann auch den Standardspruch „Hoy no, tengo dolores de cabeza, mi amor – heute nicht, ich habe Kopfschmerzen, Liebling“ einfliessen lassen und erntet dann natürlich ein breites Lachen. Wobei einen eh jede Frau, egal welchen Alters, mit „Mi amor“ anredet, aber das ist hier normal.

Samstag
Pausentag. Einfach mal so zum Stadt-Angucken und Rumbummeln. Am Plaza de Dolores spielen 5 Opas zwischen 60 und 70 auf abgegriffenen Gitarren, Tumbas, Claves und Bässen, die wahrscheinlich genauso alt sind wie sie selbst, herzzerreißende Son-Melodien. Ich setz mich auf eine Parkbank und schau ihnen zu, find’s einfach klasse und fühl ich wie mitten im Buena Vista Social Club. Die Sonne blinzelt zwischen den Bäumen, Leute flanieren auf und ab, die Klänge der Band erfüllen die Luft, Oldtimer knattern vorbei, alles gehört irgendwie zusammen. Kuba eben.

Sonntag
Immer noch Pause. Zum Abendessen wünsch ich mir den Gockel, der heut nacht um halb 5 direkt vor meinem Fenster lautstark zu krähen begann, und zwar gegrillt. Leider gehört er den Nachbarn, meine Hausherrin kann mir diesen Wunsch also nicht erfüllen.

Mein Lieblingsplatz in Santiago: die „Casa de la Trova“, das Haus der Troubadoure, wie sie in jeder Stadt in Kuba zu finden ist. Hier treten kubanische Musikgruppen aller Couleur auf, spielen Latin-Jazz, fetzigen Salsa, leidenschaftlichen Son. Auch Compay Segundo vom Buena Vista war zu Lebzeiten hier oft zu sehen. An den Wänden hängen die Porträts der Trova-Gründer von anno dazumal, blicken herab auf den kleinen, grad mal 50 Personen fassenden Raum, auf die kleine Bühne mit ihren Musikern jeden Alters, auf die alten Stühle aus den 50er Jahren, auf tanzende Paare und hinaus auf die Straße, wo ebenfalls getanzt wird – dort sind dann die Leute, die sich zwar den Eintritt nicht leisten können, aber trotzdem ihrer Lebensfreude Ausdruck verleihen wollen. Hauptsach’, man kann tanzen. 

Santiago mag morbide sein, aber die Stadt hat Charme.

Montag
Die Tour geht weiter, aber bis man endlich loskommt, dauert’s komischerweise immer eine Weile. Geld wechseln ist ab 8 möglich (Dauer: 10 Minuten), Batterien kaufen für meine Digicam erst ab 9, und dann muß man überhaupt erst mal einen Laden finden, der Batterien hat (Dauer: 1 ½ Stunden!). Heut schaff ich’s z.B. erst um 11, abzufahren.

Raus aus der Stadt und den Abgaswolken und rauf auf die autopista, die Autobahn. Ja, Autobahn! In Kuba dürfen nämlich auch Radler auf die Autobahn, und nicht nur die: ich überhole auch Pferdewagen, Fahrradtaxis, Reiter, Fußgänger. Und am Straßenrand werden Bananen verkauft. Na ja, in Kuba fahren halt nicht so viele Autos. 

Nach 20 km zweig ich ab auf eine Landstraße Richtung Guantanamo. Bei diesen Abzweigungen muß man immer höllisch aufpassen und sich durchfragen, weil kaum Wegweiser existieren. Dafür wimmeln sie manchmal von Revolutions- und Durchhalteparolen.

Die Straße ist echt angenehm und führt durch landwirtschaftliche Gebiete mit Viehweiden und Zuckkerrohrfeldern und durch hübsche Dörfer mit schattigen Bäumen und Kakteenzäunen. Es ist merklich grüner als an der Südküste. Vor Guantanamo genieß ich noch einmal 15 km Autobahn. Selbige ist kaum befahren: nur alle 5 Minuten kommt mal ein Uralt-Auto, ein vollpepackter Lastwagen-Bus oder ein Reiter vorbei. Man stelle sich das auf der A3 vor…

Die ersten beiden Casa Particulares in Guantanamo sind ausgebucht, aber man hilft mir schnell weiter. Da wird ein wenig herumgefragt, und schon wird man zur nächsten freien um’s Eck weitergeleitet. So unkompliziert sind manche Sachen in Kuba. Beim Abendessen in einem Restaurant – wie so oft pollo con arroz, Huhn mit Reis, was andres gibt’s heut nicht – werd’ ich mit Boney M. dauerberieselt: „She’s crazy like a fooool…“
  
Dienstag
Guantanamo find ich ganz entspannt – weniger Lärm und Gewusel als in Santiago und sauberer. Und – es gibt einen Markt! Einen richtigen echten Markt! Kein Riesenangebot, aber mit Papaya, Mandarinen, Tomaten, Ananas, Bananen usw.für mich recht gut bestückt! Da kauf ich mir doch gleich eine Ladung Vorräte ein. In Kuba weiß man nie, wann man wieder an Obst und Gemüse kommt.

Weiter. Ich umfahre die riesige Guantanamo-Bucht, an deren Südende der US-Marine-Stützpunkt mit dem berüchtigten Afghanistan-Gefangenenlager liegt. Militär ist hier deutlich häufiger präsent als anderswo auf meiner Reise. Die nähere Umgebung um den Ami-Stützpunkt ist auch Sperrgebiet, man muß auf der Straße bleiben. 

Der Himmel bewölkt sich etwas, bald bekomme ich die ersten Regentropfen in Kuba ab, was nicht weiter schlimm ist. Das macht die Temperaturen recht erträglich. Bei Playa Tortuquillo erreich ich wieder die Karibik. Am Campismo dort kann ich leider nicht übernachten, Grund: es gibt ihn einfach nicht mehr. Auch auf so etwas muß man gefasst sein in diesem Land. Also: weiterradeln bis zum nächsten Städtchen. San Antonio heißt es und hat weder eine Casa Particular noch ein Hotel. Was nicht weiter schlimm ist: an der Straße werd’ ich von einem Oscar angequatscht, ob ich eine Bleibe für die Nacht suche. Anscheindend sieht man mir das an. Für 18 CUC (rund 16,- EU) inclusive Abendessen und Frühstück könne ich bei ihm übernachten. Na klar! Eine halbe Stunde später wird schnell das Schlafzimmer ausgeräumt, die Familie schläft nebenan im Kinderzimmer, und fertig. No problem, Senor. So können sie sich ein bisschen harte Währung dazuverdienen.

Mittwoch
Mein Tagesziel, der Campismo am Strand von Cajobabo, ist grad mal 25 km entfernt. Ich radle gegen den kühlenden Passatwind, der immer von Osten weht. Auch hier sieht die Küste aus wie in Kalifornien: vertrocknetes Gras, Felsen und viele hohe Kakteen. 

Eigentlich wollte ich in Cajobabo mal so einen gemütlichen halben Strandtag einlegen, um morgen früh den landeinwärts gelegenen schönen tropischen Farola-Paß, auf den ich mich die ganze Zeit schon freue, zu stürmen. Aber ich bin in Kuba. Da muß man flexibel sein, was Planungen betrifft: der Campismo darf nämlich nur Kubaner aufnehmen, keine Ausländer. Ohne Ausnahme. Hm. Was tun? Es ist Mittag um halb 1. Zurückradeln nach San Antonio? Oder heut schon rauf auf den Paß? Ich entscheid mich für letzteres. Vorher mach ich Mittagspause am Strand, der mit seinem Treibgut und seinem grauen Sand gar nicht so einladend aussieht.

Am Anstieg kommen mir 4 Österreicher entgegen, ebenfalls Radler. Das ist schon verwunderlich: in meinen 2 Wochen hier in Kuba hab ich grad mal 5 „normale“ Touristen getroffen, aber 9 Radler. Nur fuhr keiner in meine Richtung. Aha. Ich radel also wieder mal gegen den Strom.

In einem Dorf werden am Straßenrand Mandarinen, Bananen und cucuruchos, in Palmblatt gewickelte Süßigkeiten aus Honig, Kokos und Fruchtzeugs verkauft, eine richtige Kalorienbombe. Die kubanischen Power-Riegel sozusagen. So gestärkt, kann ich den Ansturm auf den Paß fortsetzen.

Weiter geht’s bergauf. Der anfängliche Strauchwald ist schon längst vom Regenwald abgelöst worden. Und weil der ja von irgendwoher seinen Namen hat, beginnt’s auch heftig zu regnen. Die Steigung nimmt auf 12 – 15% zu, ist aber machbar, weil sich’s im kühlenden Naß besser radeln lässt als unter brütender Sonne. Frisches Grün ist jetzt die Hauptfarbe, links und rechts der Straße ragt dichter Bergurwald steil nach oben oder zieht sich in tiefe Täler runter. In den Gipfeln kleben die Wolken fest. Mensch, ich radel durch den tropischen Regenwald! Das erste Mal! Erst jetzt wird mir das so richtig bewusst. Grins!

Ganz in der Ferne verabschiedet sich die sonnige Karibik. Der Regen hat sich mittlerweile mit dem Ostpassat verbündet, sodaß mir manchmal ganz schöne Wassermassen entgegenprasseln. Nur schade, dass man jetzt an den Aussichtspunkten nicht so weit blicken kann. 

Der Wind nimmt zu, die Steigung bleibt. Der dichtgrüne Bergregenwald hier oben übt fast schon eine dunkel-mystische Faszination auf einen aus. Überall ist es tropfnaß und feucht, es plätschert und prasselt und rauscht, Wolken jagen fetzenartig über die Bergkämme.

Schneller als erwartet erreich ich die Passhöhe. Hier oben steht - welch Paradies! - ein halb offenes Cafe! Nach einem Kaffeepäuschen saus ich bergab, aber wenn ich gedacht hatte, das geht bis zu meinem Tagesziel Baracoa so weiter, seh ich mich bald getäuscht: einige Bergaufs dürfen nach schüssigen Bergabs schon noch überwunden werden, wenn auch nicht mehr auf Passhöhen-Niveau. Zeitlich wird’s wieder mal etwas knapp, da ich nur noch eine Stunde Tageslicht hab – ab halb 7 abends ist’s in Kuba nämlich zapperduster. Dichter werden die Wolken, der Regen wird zum Sturm, grad mal 50 m weit kann ich sehen. Ich muß sehr konzentriert fahren, da auch ganz schnell mal urplötzlich ein tiefes Schlagloch auftauchen kann.

Zum Glück führt die nass glänzende Straße jetzt nur noch bergab, so dass ich einen ganz guten Schnitt hinbekomme. Und so langsam komm ich auch unterhalb der Wolkensuppe raus. Nur der Regen, der hört nie so richtig auf und lässt sich höchstens mal auf ein gnädiges Nieseln herab.

Immer öfter gelange ich jetzt durch eine Siedlung. Schwarze Schweine schnüffeln durchs feuchte Gras, Hühner picken am Straßenrand, und die Einheimischen gucken mir verwundert nach. Total nett: wenn mich mal ein Bus oder LKW überholt, wird das mit lautem Gehupe angekündigt, und wenn sie vorbeirauschen, machen die Fahrer das Zeichen „Daumen hoch“. Weiter so, amigo! La lucha continua - der Kampf geht weiter!

Aber schließlich erreich ich Baracoa. Spärlich ist das Straßenlicht, komplett unbeleuchtet die Fahrradtaxis, Pferdekutschen und auch viele Autos. Aufpassen also. Ziemlich bald finde ich aber eine angenehme Casa Particular, mit sauberem Zimmer, eigenem Bad und Eingang und für nur 15 CUC die Nacht (die meisten Preise rangierten zwischen 20 und 25 CUC). Und unheimlich netten Leuten, die mich mit ihrer Freundlichkeit und einem echt leckeren Abendessen erfreuen. Ich fühl mich wie im Himmel. 

Donnerstag
Das Wetter hält sich in Grenzen: Wolken und Regen wechseln sich im Tagesverlauf ab, das Meer brandet graubraun an den Malecon, die Promenade, von der seit dem letzten Hurricane nicht mehr viel übriggeblieben ist. Is also nix mit tiefblauem Meer. Ansonsten strahlt Baracoa, die älteste Stadt in Kuba, den gleichen morbiden Charme aus wie Santiago. Hochinteressant find ich die „Kathedrale“, eigentlich eher eine größere Kirche: innen wird das baufällige Kirchendach von langen Holzstämmen gestützt, an den Wänden bilden sich Risse, Putz bröckelt ab. Allzulaut darf man hier wohl nicht singen…

Einkaufen in Kuba ist gar nicht so einfach, auch nicht in Baracoa – man kann nicht einfach so in einen Laden spazieren, schnell was kaufen und in 5 Minuten wieder draußen sein. Am Eingang der Läden – zumindest der kleineren - steht immer ein „Wachposten“, der nur eine bestimmte Anzahl Leute reinläßt, wie halt grad in den Laden reinpassen. Der Rest bleibt vorerst mal draußen und presst die Nasen an dunkel abgetönte Scheiben, um zu erspähen, was drinnen überhaupt vorrätig ist. Wenn man dann gnädigerweise Einlaß bekommt, muß man hoffen, dass das, was man sucht, auch angeboten wird. Dann kann man die Ware auch nicht so locker aus einem Verkaufsständer nehmen wie bei uns, sondern muß warten bis man dran ist und das Personal den ersehnten Gegenstand hinter dem Tresen oder aus einem Schaukasten hervorholt. Ist grade mal Klopapier vorrätig, heißt es, Klopapier kaufen. Wer weiß, wann wieder welches vorrätig ist. Man bezahlt schließlich, geht zum Ausgang, wo die gekauften Artikel mit dem Kassenzettel verglichen werden, um schließlich wieder in die Freiheit entlassen zu werden. Für den Kauf von ein paar popligen Batterien benötigte ich heute eine dreiviertel Stunde. Aber mei: man muß es halt einfach gelassen sehen, wie die Kubaner selbst.

Auch Baracoa besitzt eine nette Casa de la Trova, meinem Lieblingsplatz auch hier in dem Städtchen. So komm ich endlich mal wieder zum Tanzen, wobei ich mir meine in Deutschland erlernten Salsa-Künste  in die Haare schmieren kann: erstens tanzt man den Salsa in Kuba anders, und zweitens geht es eigentlich hauptsächlich darum, Spaß zu haben, sich irgendwie tänzerisch zu bewegen und viel mit dem Ärschche zu wackeln. Die Stimmung dazu ist einfach klasse. Da wird’s doch immer recht spät, bis ich heimkomm.

Freitag
Mit dem Kubaner Pascual erforsch ich ein paar versteckte Höhlen etwas außerhalb der Stadt. Dazu müssen wir ein Stück mit einem Ruder-Fährboot fahren, durch ein kleines schnuckeliges Fischerdorf spazieren, wo man extra für mich Kakao-Salbe kocht, quer durch den Wald staksen und über eine wackelige Leiter eine Felswand hinunterklettern. 

Der Höhleneingang wird von den mächtigen Wurzel der Würgefeigen flankiert, die sich im Fels festkrallen. Weiter unten, wo das Licht schon nicht mehr hinkommt, liegt eine geheimnisvolle Höhle, in die man nicht so ohne weiteres rein kann: man muß ein Stück durch klares kühles Wasser schwimmen, das sich seltsam laugig anfühlt. Unzählige Durchgänge führen zu weiteren Höhlensystemen glitzernden Gesteins und skurriler Felsformationen. Wir können leider nur einen Bruchteil angucken, da man für den Rest eine Tauchausrüstung bräuchte. Kein Lebewesen scheint hier drin zu wohnen, es ist ganz still. Ob da wohl irgendwo der Piratenschatz des Captain Morgan versteckt ist?  Höhlen übten schon immer eine gewisse Magie auf mich aus…

Samstag
Mei, wie die Sonn heut scheint! Ich radel die Küstenstraße Richtung Südosten entlang. Es wächst und gedeiht hier alles mögliche, Palmen, Bananen, Mandarinen, Papaya, Guanabana, Guave usw. Die Region um Baracoa ist ganz schön fruchtbar. Gut, es regnet hier ja auch öfter als im Rest des Landes. Trotzdem: Genußradeln pur, so ohne Gepäck. 

Zwei nette Jungs quatschen mich am Straßenrand an. Ich bin da immer ein wenig misstrauisch, ob sie mir irgendwas andrehen oder einfach nur schnorren wollen. Aber die beiden haben einfach ihre Freude daran, mir die Umgebung zu zeigen, den steilen Yumuri-Flußcanyon, die Höhlen am Straßenrand, die in der vorkolumbianischen Zeit von Indios bewohnt wurden, die schönsten Aussichtspunkte und natürlich ihr Häuschen, eher ein Hüttchen. Dort freuen sich Oma und Mama und Tante über meine Bekanntschaft, dann wird ich zum Nachbarn rübergeschoben, wo Kindergeburtstag gefeiert wird und ich viele viele Bilder schießen muß, und schließlich gehen wir schnorcheln, wobei die Unterwasserwelt hier nicht so aufregend ist. Dafür gibt’s schöne Muscheln. Die Jungs kümmern sich rührend um mich, bereiten mir für’n Appel und ’n Ei eine Leckerei aus Langusten mit Reis und frittierten Bananen, und bitten mich inständig, sie zu besuchen, wenn ich wieder mal nach Kuba kommen sollte. Das ist ja das schöne hier: ruckzuck kannst du nette Leute kennenlernen.

Sonntag
Die letzte Radtour. Auf einer Schotterstraße Richtung Nordwesten, immer die Küste entlang. Wunderschön ist die Landschaft hier. Üppig und fruchtbar und grün. Rechts leuchtet, tiefblau, der Atlantik. Öfter muß ich einen  Fluß überqueren, in dem Wäsche oder sogar mal ein ganzer Lastwagen gewaschen wird. Waldhügel, klare Bäche, kleine Dörfer, Bananenplantagen, palmgedeckte Bauernhäuser und auch hier das gelegentliche Revolutionsplakat. Und am Straßenrand immer wieder Menschen, die mir neugierig nachgucken. Radeln in den Tropen. Wow!

Montag
Nach dem Frühstück – wie immer Eier, ich muß daheim dann wieder auf cholesterin-arm umstellen – muß ich Baracoa leider verlassen. Da mir krankheitsbedingt 2 Tage fehlen, kann ich leider nicht mit dem Fahrrad zurück nach Holguin, dem Ausgangspunkt der Tour. Das hätte 3 Tage gedauert, und ich wäre abgehetzt am Flughafen angekommen, wozu ich nun echt keinen Bock hatte. Also nehm ich den Bus zurück. Kamasutra kommt unten in den Gepäckraum.

Kurz vor Mitternacht erreiche ich in Holguin. Meine vorher reservierte Casa ist ausgebucht – warum, hab ich auch nicht so genau verstanden – aber mir wird gleich weitergeholfen. Man klappert für mich die Casas der Umgebung ab, bei der vierten ist noch ein Zimmer frei. Schlaftrunken bitten mich die Hausbesitzer – Mutter und Sohn – ins Haus rein. Irgendwie ist mir das schon peinlich, so mitten in der Nacht, aber die Leut sind so liebevoll und nett und winken ab, no problem, Senor, macht doch nix, macht doch nix. Sie zeigen Zimmer und Bad, legen mir Handtuch und Seife hin, fragen, ob ich noch etwas brauche, und das alles mit einer umwerfenden Freundlichkeit. Nein, mir fehlt nichts mehr, vielen Dank. Nur noch das Bett.   

Dienstag
Kältester Tag in Kuba! Grad mal 16° schafft das Thermometer. Ein kühler Wind weht durch Holguin, die geschlossene Wolkendecke lässt keinen Sonnenstrahl durch. Zum ersten Mal muß ich mir hier ein Sweatshirt anziehen. Nun denn: ein idealer Tag zum Durch-die Stadt-Bummeln.

Mittwoch
Die berühmten Strände von Guardalavaca sind grad mal eine Autostunde entfernt, und die will ich mir mal anschauen. Mein Flieger geht erst heute Nacht, also hab ich den ganzen Tag Zeit. 

So laß ich mich mit einem Taxi dorthin hinkutschieren, aber mit keinem normalen: die Kiste ist ein Chevrolet mit Baujahr 1956, außen schwarz-rosa, innen knallerot! Ein herrliches Schiff! Ich komm mir vor wie in einem schnulzigen Ami-Film aus den 50er Jahren. Ob da wohl Doris Day oder James Stewart drin gesessen sind?

Guardalavaca ist Touristenregion, mit mondänen Hotels hinter puderweißen Stränden, an die das türkisfarbene Meer plätschert. Ich fühl mich etwas seltsam, komme mir fremd vor, nach den vergangenen Wochen, in denen ich so viel Berührungspunkte mit Land und Leuten hatte. Was ich hier sehe, ist jetzt nicht mehr das echte Kuba. Schon schön, aber irgendwie - künstlich. Ein Fremdkörper im Land selbst. 

Dafür macht das Schnorcheln richtig Spaß. Seegraswiesen wogen leicht in der Dünung. Durch’s klare Wasser saus ich in den hellen Sand hinab, schwebe über herrliche Korallenblöcke mit ihren filigranen Formen, laß mich einfach tragen und schau den vielen bunten Tropenfischen zu. Wie in einem Aquarium. Nur dass ich jetzt auch mittendrin bin. 

Am Strand laß ich mich noch einmal in der Sonne trocknen und verabschiede mich vom Meer. Hasta la proxima vez, bis zum nächsten Mal. Dann bringt mich der schwarz-rosa Chevy wieder zurück nach Holguin.

Das Fahrrad wird auseinandergebaut, in den viel zu kleinen Karton gepackt, die Packtaschen irgendwie dazugestopft (keine Ahnung, wie ich das immer schaff), und ab geht’s zum Flughafen. 2 Stunden vor Mitternacht bringt mich die Condor-Boeing in eine andere Welt. Nach Hause.

Die Gedanken gehen zurück. Kuba. Ich verlasse ist ein einzigartiges Land, mit seinem ganz eigenen Charakter. Es mag nicht alles klappen, wie geplant, man bekommt nicht alles, was man braucht, und es fehlt an vielem, aber der Charme und die Fröhlichkeit seiner Menschen machen alles wieder wett. Man muß es einfach nehmen, wie es ist, dann öffnet es sich mit seiner ganzen Schönheit und seiner Lebendigkeit. 

Und - wieder mal hat sich gezeigt, dass das Fahrrad ein absolut geniales Fortbewegungsmittel ist, um ein Land echt und hautnah zu erkunden, zu entdecken, kennenzulernen. Wohin’s mich wohl als nächstes zieht? Träume hat man ja viele…  

Hasta luego! Con muchos embrazos y besitos!

Wolfgang




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